Ist es noch zeitgemäß, für das Medizinstudium Leichen aufzuschneiden?

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Das Gebäude der Anatomie

 

Auf dem Eingang steht der Spruch: Hic Locus est ubi mors gaudet succurrere vitae („Hier ist der Ort, an dem der Tod sich freut, dem Leben zu helfen").

 

Von Anne-Sophie Panzer

 

Sterile Metalltische, strenger Formalingeruch, abgedeckte, leblose Körper und hochkonzentrierte Weißkittelträger mit Skalpellen in der Hand, die Fett von Muskeln und Knochen trennen. Hannibal Lector in Berlin? Wenn dem so wäre, hätte er hier zumindest das Ziel, in den nächsten fünf Jahren ein echter Humanmediziner zu werden.

 

Muss man unbedingt Leichen aufschneiden, um ein guter Arzt zu werden?

An der Berliner Charité, immerhin Europas größtem Universitätsklinikum, durchläuft jeder Medizinstudent ein Prozedere, das auf der ganzen Welt seit Jahrhunderten zur Arztausbildung gehört: Die Rede ist vom Präparieren menschlicher Körper. Das, was uns Nichtmedizinern mit hoher Wahrscheinlichkeit den Appetit am Mitternachtsdöner verdirbt, ist für Medizinstudenten bald schon nicht mehr viel ekeliger als der Windelinhalt ihres Goldkindes für junge Eltern: „Das erste Mal war noch komisch", meint Arthur, Medizinstudent an der Charité im fünften Semester, „aber spätestens nach der zweiten Stunde in der Anatomie fing man an, die Person, die man da gerade aufschnitt, weniger als Person denn als Studienobjekt zu sehen." Was bewiesen hätte, dass man sich an (fast) alles gewöhnen kann. Doch ist die Leichenpräparation für angehende Ärzte auch so unverzichtbar, wie viele Mediziner und auch Studenten behaupten?

 

Denn gerade ein ehemaliger Direktor des anatomischen Instituts an der Hochschule Hannover, mit dem furchteinflößenden Titel Prof. Dr. med. Dr. phil. Herbert Lippert versehen, behauptet das Gegenteil. Für ihn sind Leichenpräparate im harmlosesten Fall verstörend für einen Medizinstudenten, im schlimmsten Fall eignet er sich dort angeblich sogar falsches Wissen an.

 

Wie kann ein echter menschlicher Körper anatomisch „falsch" sein?

Laut Lippert sind durch den fehlenden Blutdruck und die lange Vorkonservierungszeit von fast einem Jahr die Organe teilweise in falsche Positionen verschoben und erzeugen so ein falsches Bild von der menschlichen Anatomie. Doch die meisten Medizinstudenten sind da etwas anderer Meinung: „Das mag ja stimmen, aber man muss doch mal einen toten Körper gesehen und auch untersucht haben, bevor man dann im Klinikalltag unweigerlich auf ihn trifft. Der Tod gehört nun mal zum Leben und zur Arbeit eines Arztes dazu", meint Arthur. „Vielleicht ist es aber auch einfach die Stigmatisierung des Todes zum Tabuthema unserer Kultur, der ihn erst so unheimlich macht."

 

Auch Lipperts Vermutung, dass jedes Semester einige Studenten ihr Studium wegen der Angst vor dem Präparieren abbrechen, kann er nicht glauben. Er hat bisher keinen einzigen Kommilitonen getroffen, der ernsthaft an so etwas gedacht hat. Und wenn diese Angst tatsächlich das allergrößte Hindernis im Studium darstellt, ist das vielleicht auch nochmal der Punkt, seine Studienwahl zu überdenken.

 

Keine Angst vor dunklen Gassen - Körperspender werden nicht per Zufall ausgesucht Alle, die jetzt gleich Angst vor der Körperspendermafia bekommen haben, sei gesagt: Die Leichen, die den Studenten vorgelegt werden, sind keine willkürlich ausgesuchten Unfallopfer. Wer seinen Körper der Wissenschaft vermachen will, muss sich zu Lebzeiten aktiv darum bemühen und deshalb kommt auch nach dem Tode eines Menschen im Krankenhaus niemand auf die Angehörigen zu und fragt sie, ob sie in so etwas einwilligen würden. Außerdem haben die Kliniken mittlerweile sogar einen Körperspenderüberschuss, weil viele Universitäten die Bestattung bezahlen. Weil man das für ethisch fragwürdig hielt, muss in der Charité jeder Körperspender seine Bestattung selbst bezahlen. Natürlich ist dabei trotzdem immer noch die Frage erlaubt, inwieweit eine angemessene „Entschädigung" (in Form der Bezahlung der Beerdigung) für die Hergabe des eigenen Körpers einen schalen Beigeschmack haben soll oder vielleicht eher der Finanznot der Klinik geschuldet ist.

 

Auf jeden Fall ist der Wunsch, Körperspender zu werden, der alleinige des Spenders, was sich nach dessen Tod als schwierig genug darstellt. Denn die Anverwandten müssen damit leben, ungefähr drei Jahre lang ihren Angehörigen nicht bestatten zu können. Aber auch wer kein Problem damit hat, im Tode bis zur letzten Muskelfaser auseinandergeschnitten und durchleuchtet zu werden, kann sich wahrscheinlich denken, dass diese Vorstellung bei den Verwandten kurz nach dem Todesfall Unwohlsein auslösen wird.

 

Doch nicht, dass ihr Euch jetzt Gedanken darüber macht, ob euer Freund mit dem Gedanken spielen könnte... Körperspender kann nämlich nur werden, wer deutlich über sechzig Jahre alt ist. Das hat zum einen administrative Gründe, nämlich, weil die Kliniken bindende Verträge mit den Spendern abschließen, deren Laufzeit sie möglichst zeitnah kontrollieren können und zweitens, weil man vor allem den zumeist ja noch recht jungen Studenten im Präparierkurs kein Übungsmodell zumuten will, dass im gleichen Alter wie die eigenen Eltern oder gar die eigene Freundin oder der eigene Freund sein könnte. Es ist eine Grenzerfahrung, das Aufschneiden von Leichen, aber eben eine, die zum Arztwerden und -sein dazugehört. Für die, die in die Sache eher unfreiwillig involviert wurden, nämlich die Angehörigen, gibt es eine Gedenkfeier, die allein von den Studenten für die Verstorbenen nach den Präparierkursen ausgerichtet wird.

 

Was wären die Alternativen zum Leichen aufschneiden?

Ginge es nach Lippert, würden die Studenten fast nur noch an Computermodellen von 3D-Schnitten des menschlichen Körpers lernen und Präparierkurse bestenfalls noch fakultativ besuchen. Kann man damit eventuell ausschließen, dass die Mediziner von morgen eine vielleicht verfälschte Lage eines Organs im Körper lernen, so verhindert es doch damit erheblich, dass man zum Beispiel ganz praktisch vor Augen geführt bekommt, dass jeder Körper verschieden aufgebaut ist.

 

„Viele hatten verschiedene Grunderkrankungen, die man erkennen konnte, und manche auch Tumore. Auch die Organgrößen und Ausführungen waren bei jedem Körper ein bisschen verschieden. Auf jeden Fall sah jede Leiche anders aus, und zwar innerlich wie äußerlich." Was Lippert und Verfechter der Abschaffung der Leichenpräparierung im Medizinstudium als Problem ansehen, muss keines sein. Es ist nicht anzunehmen, dass die Studenten von einem Mann mit entfernter Prostata darauf schließen, alle Männer hätten keine Prostata.

 

Der Präparierkurs ist unersetzlich für den Medizinstudenten

Der Zweck des Präparierkurses liegt also nicht bloß im „profanen" Präparieren von Muskeln und Organen und dem Auswendiglernen derselben. Für all die Studierenden, denen er noch nicht begegnet ist und die noch keinen angemessenen und professionellen Umgang mit ihm finden konnten, birgt dieser Kurs eine Erfahrung, die Grundvoraussetzung für jeden Mediziner ist: Die Auseinandersetzung mit dem Tod des Menschen.

 

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