„Wir sind die Krätze am Arsch der Mediengesellschaft"

Erschienen auf: https://brennpunkt-f.de/wir-sind-die-kratze-am-arsch-der-mediengesellschaft/ 

„...solange es uns noch gibt, müssen sie sich noch kratzen.", meint Kurt Krömer, anzutreffen als Gast im neuen Theaterstück von Rainald Grebe am Maxim-Gorki-Theater, das über seine zwei Stunden Laufzeit von Anfang an reichlich wirr daher kommt. Dass das alles genau so gewollt ist, zeigt bereits der Titel an: „Dada Berlin" will den Aufstand proben, gegen LandLust-Spießer und die sowieso völlig verrückte Welt, in der wir alle leben. Eine Kritik am „Fernsehen im postironischen Zeitalter", die der Gesellschaft, und vor allem den Medien, einen Spiegel vorhalten will. Aber auch das Publikum bekommt die Frage danach gestellt, wie weit die journalistischen Berichterstatter denn nun eigentlich gehen dürfen.

Ganz im dadaistischen Sinne, das Publikum zu verwirren und zu reizen, um Gegenreaktionen geradezu herauszufordern, wird zuerst einmal das angebliche Konzept des Theaterabends vorgestellt: Eine Fernsehshow - so wird Grebe vom rbb die Frage angetragen - ob Ihn das nicht interessieren könnte?

Sogleich erscheint ein sogenannter „Warm-upper", ein eigens dafür angestellter Herr, der den brandenden Applaus und die aufgeheizte Stimmung für den Star der Show besorgen soll. Und gibt sich prompt als frivoles Arschloch, das mit Schmackes über alle gesellschaftlich vorhandenen Randgruppen herzieht. Mmh, denkt man sich, RTL-Bashing, ist jetzt nichts Neues. Grebe, der gleich zuvorderst betonte, dass er natürlich keinen Fernseher besäße und sich deshalb nicht sicher sei, warum ausgerechnet er eine Fernsehshow gestalten soll, berührt damit natürlich wunderbar sanft kraulend den Bart des geneigten akademischen Mittelschichtspublikums. Möchte man meinen. Und fragt sich sogleich, wieso er so etwas nötig hat, zumal es normalerweise seine Spezialität ist, sich über eben diese Zielgruppe spitzfindig zu mokieren. (Was Serdar Somuncu in seiner Ansprache treffend auf den Punkt bringt: „was Mario Barth für die Asozialen, das sei Rainald Grebe für die neoliberalen Akademiker, die mit ihrem 5000 Euro teuren Kinderwagen durch Prenzlauer Berg spazieren.")

Aber wie funktioniert es, dass sein reguläres Publikum vor allem über die eigenen Unzulänglichkeiten lacht? Anscheinend das gleiche Phänomen wie beim „Unterschichten-TV", welches vorzugsweise von - naja, der Name verrät es ja schon - geschaut wird. Man lacht über die Blöße, die sich die Dargestellten geben und fühlt sich darüber erhaben. Hierbei natürlich andersherum, wird entschieden das dargestellte Spießbürgerliche abgelehnt, als Hort der „Litschi- und Holunder"-Fraktion mit obligatorischer Bibel und Manufaktumkatalog auf dem Nachtkästchen.

Wieso nun redet er plötzlich wie ein emigrierter Bildungsbürger aus Schwaben und verletzt seine selbstgesetzten Regeln? Die einfach Antwort lautet: Weil es dada ist. Der feinfühlige Kunstkritiker mag hier nun entgegnen, dass man nicht einfach alles konterkarieren, seine Ideale im Prinzip verraten... - Doch, kann man, denn es ist dada! Auch dem mag man entgegnen, dass das natürlich möglich sei, aber keinen Sinn ergebe, da dann ja alles wertlos, jede Meinung sinnlos und alle Aussagen jederzeit widerrufbar seien und das sei ja nun wirklich unzumutbar.

Und warum geht das nicht in des Kritikers Kopf? Weil es seine Grenzen des Denkens sprengt. Es übersteigt seinen Horizont, in dem Kunst entweder schön und sinnvoll oder wenigstens, als Satire gesellschaftlich anerkannt, den bekannten Regeln der Logik folgen muss. Doch wohin sind wir mit diesen schönen Regeln gelangt? „In eine Sprache, die verwüstet wurde durch den Journalismus". In eine Kunstwelt, in der es nichts Neues gibt und nichts nie Dagewesenes. In der alle Provokationen bestenfalls noch gelangweilte Ablehnung provozieren.

Wir stehen an einem Endpunkt - wieder einmal, wie auch schon die Erfinder des Dadaismus 1916 in Zürich - einer gesättigten Gesellschaft, die, im scheinbar ewigen Frieden aufgewachsen und in Selbstbeweihräucherung großgeworden, teilweise nicht einmal mehr weiß, warum man wählen gehen sollte.

Es geht auch wieder um die Frage, ob Kunst einfach nur schön sein darf oder ob sie den Menschen auch etwas aufzeigen und sie wachrütteln soll. Aufwecken aus einer Lethargie über die bestehenden Verhältnisse, was vorhandene Kunstformen längst nicht mehr schaffen. Abgestumpft durch mediale Dauerfeuerwerke reagiert Ottonormalverbraucher auf madenfressende B-Promis, Hungerkatastrophen in der dritten Welt und Weltwirtschaftskrisen genau gleich: völlig gleichgültig. Keine Kunstform wusste bisher sich erfolgreich dagegen aufzulehnen. Die Evolution hat versagt, deswegen muss jetzt die Revolution ran.

Sicher war das, was Herr Grebe da vorgetragen hat, noch nicht des Pudels Kern und revolutionär war es schon ganz und gar nicht. Aber es ist ein Aufbegehren gegen eine hedonistische Lifestyle-Gesellschaft, die ihren Sinn sucht in „Wellnessoasen" und einem Neobiedermeier mit künstlich erzeugter Patina, anstatt die Verhältnisse zu hinterfragen und Aufstand zu proben.

Vielleicht war das Programm trotzdem noch zu bürgerlich, denn einige Karikaturen der obengenannten Spezies waren so klassisch, dass sie sogar sein Stammpublikum lustig finden musste; ein Interview mit einer Familie vor der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg nach dem Kirchgang beispielsweise, wobei die Frau den Gottesdienst als nette Gelegenheit zum Wiedersehen von Freunden nach einer anstrengenden Woche und als tolle Möglichkeit zum anschließendem Brunchen erklärte.

Will Grebe tatsächlich die Revolution in der Kunst, muss er diesen Spaß hinter sich lassen, was ihn höchstwahrscheinlich viele seiner Anhänger kosten wird. Wenn er weitergeht, wird er nicht wissen, ob und wo er ankommen wird. Wenn er es schafft, ist es aber noch lange nicht zu Ende.

„Denn Dada hört erst auf, wenn die Welt Dada geworden ist."

 

„Dada Berlin" im Maxim Gorki Theater, Regie: Rainald Grebe (www.gorki.de)